Montagsmeinung: Die Enshittification der internationalen Strukturen
Vorab
Diesen Text hat sich ein Leser gewünscht, und er hat den Titel gleich mitgeliefert: die Enshittification der internationalen Strukturen. Ich habe überlegt, ob ich das Wort übernehme. Es ist hässlich, es ist englisch, und es trifft. Also Montagsmeinung, also Meinung: was in dieser Branche, meiner Branche, wirklich schiefläuft.
Die These in zwei Sätzen. Internationale Strukturen wurden einmal für den Menschen gebaut, der sie nutzt. Heute werden sie für alle anderen gebaut, für Vermittler, Plattformen, Banken und Register, und der Kunde zahlt dafür, am Ende selbst das Produkt zu sein.
Das hier ist keine Analyse mit Fußnotenapparat, auch wenn ich jede Tatsachenbehauptung mit der Originalquelle verlinke. Es ist eine Meinung, zugespitzt, an einem Montag. Widerspruch ausdrücklich erwünscht.
Was Enshittification eigentlich ist
Das Wort stammt von Cory Doctorow. Er hat es Ende 2022 in einem Text über Amazon geprägt, Anfang 2023 an TikTok durchdekliniert, und 2025 wurde ein Buch daraus. Seine Definition ist präziser, als der Klang vermuten lässt. Plattformen sterben in drei Schritten: Erst sind sie gut zu ihren Nutzern. Dann missbrauchen sie die Nutzer, um es ihren Geschäftskunden schön zu machen. Dann missbrauchen sie die Geschäftskunden, um den gesamten Wert für sich selbst einzusammeln. Und dann sterben sie.
Der Mechanismus dahinter ist wichtiger als die Phasen. Eine Plattform sitzt zwischen zwei Seiten, hält jede als Geisel der anderen und kann den Regler, wer wie viel vom Kuchen bekommt, jederzeit und unbemerkt verstellen. Solange niemand gehen kann, ohne alles zu verlieren, was er aufgebaut hat, wird der Regler verstellt. Nicht aus Bosheit, sondern weil es geht.
Warum passt das auf internationale Strukturen? Weil unsere Branche exakt so gebaut ist. Zwischen dir und dem Staat, der Bank und dem Register sitzt eine Schicht aus Vermittlern: Gründungsagenten, Registered Agents, Adressanbieter, Fintechs, Berater, Programmagenten für Visa und Pässe. Jede dieser Schichten hat einen Regler. Und über allen sitzt noch jemand, der seinen Regler am liebsten verstellt: der Gesetzgeber.
Ich gehe das jetzt der Reihe nach durch. Vier Phasen, und du wirst dich in mindestens einer wiederfinden.
Phase 1: Als die Strukturen noch für dich gebaut waren
Es gab eine Zeit, in der eine US-LLC ein Werkzeug war und kein Lebensstil. Du hast sie gegründet, weil du Kunden in den USA hattest oder eine saubere Rechtsform für ein Online-Geschäft brauchtest. Eine Bank hat dir ein Konto eröffnet, nach einem Telefonat. Niemand fragte nach Substanz, weil die Substanz offensichtlich war: Es gab dich, dein Geschäft, deine Rechnungen.
Dubai: null Prozent Körperschaftsteuer, und das war kein Marketing, sondern Gesetzeslage, bis 2023. Portugal nahm Zuzügler mit einem Sondersteuerstatus auf, zehn Jahre lang pro Person, und das Programm lief über ein Jahrzehnt. Spanien verkaufte ab 2013 Aufenthaltsrechte gegen Immobilienkauf, weil das Land nach der Finanzkrise Geld brauchte, und meinte es ernst. Großbritannien hatte sein Non-Dom-Regime seit Generationen. Nichts davon war ein Schlupfloch. Es waren Angebote, die so gemeint waren.
Und die Flaggentheorie funktionierte so, wie sie im Buch stand: Wohnsitz hier, Firma dort, Bank woanders, Pass wieder woanders. Die Flaggen waren günstig, unabhängig voneinander, und niemand verlangte, dass sie miteinander reden.
Die Vermittler dieser Zeit waren klein. Ein Anwalt in Delaware, ein Treuhänder in Zug, ein Agent in Panama. Nicht billig, aber ehrlich bepreist: Du hast für Arbeit bezahlt, nicht für einen Trichter. Und der Staat hatte Größeres zu tun. Wer kein Konzern war, war nicht interessant.
Die letzte gute Gabe dieser Phase waren die Fintechs. Plötzlich bekam jeder mit einem Pass und einem Smartphone innerhalb von Minuten ein Multiwährungskonto, kostenlos, ohne Filiale, ohne lästige Fragen. Das war Phase 1 in Reinkultur: Überschuss an die Nutzer, damit sie kommen und bleiben. Wir wissen heute, wofür.
Phase 2: Du wirst für die Vermittler ausgequetscht
Irgendwann hat jemand gemerkt, dass man mit Menschen, die ein Problem haben, mehr Geld verdient als mit Menschen, die eine Lösung haben. Und dass sich das Problem wunderbar verkaufen lässt.
Die Gründungsfabrik. Eine LLC für 49 Dollar. Der Preis ist nicht das Produkt, der Preis ist der Köder. Das Produkt ist das zweite Jahr: Registered Agent zum Dreifachen, eine „Premium-Adresse“ mit Suite-Nummer, die du nie betreten wirst, ein „Compliance-Paket“, das aus zwei E-Mails besteht, ein Operating Agreement als PDF-Vorlage gegen Aufpreis, Expresszuschläge für Behördenvorgänge, die ohnehin so lange dauern, wie die Behörde braucht. Jede neue Vorschrift wird zum Zusatzprodukt. Der Überschuss, der dir in Phase 1 geschenkt wurde, wird jetzt abgeschöpft, nur eben nicht von einer Plattform, sondern von einem Dashboard mit Warenkorb.
Der Affiliate-Trichter. Die Branche hat sich in einen Verkaufstrichter verwandelt, der aussieht wie Beratung. Ein Video, in dem jemand aus einer Hotellobby erklärt, wie man „steuerfrei lebt“. Unter dem Video ein Link. Hinter dem Link eine Provision. Die Empfehlung ist das Produkt, nicht die Analyse. Deswegen werden immer dieselben zwei, drei Bundesstaaten empfohlen, dieselben zwei Fintechs, dasselbe Emirat: nicht, weil sie zu dir passen, sondern weil das Backend sie vergütet. Merksatz: Wer dir eine Struktur empfiehlt, bevor er deine Situation kennt, empfiehlt seine Provision.
Die Vorlage. Ein Operating Agreement für alle ist ein Operating Agreement für niemanden. Für jemanden, der aus Deutschland oder Österreich wegzieht, entscheidet dieses Dokument mit darüber, wie seine Gesellschaft zu Hause eingeordnet wird. Die Fabrik weiß das. Es ist ihr egal, weil der Schaden nach dem Verkauf eintritt, und zwar bei dir.
Der Lock-in. Hier greift die Analogie am härtesten. Deine Dokumente liegen im Dashboard des Anbieters. Deine Post geht an seine Adresse. Dein Konto wurde über seinen Partnerlink eröffnet. Der Wechsel des Registered Agent ist formal einfach und praktisch eine Woche Ärger. Die Auflösung kostet eine „Schließungsgebühr“ in Höhe eines Jahresbeitrags. Nichts davon ist illegal. Alles davon ist darauf gebaut, dass du bleibst, obwohl du gehen willst. Doctorows Geiselnahme, nur mit Formularen.
Die Herde. Und dann ist da noch das große Geschäft mit der Bewegung selbst. Das ist nicht neu, es ist nur schneller geworden. Ich berate seit 2014 und habe die letzten Runden aus der Nähe gesehen.
Es gab die lange Karibik-Epoche: Cayman, BVI und Konsorten als Standardantwort auf jede Frage, jahrzehntelang, und Panama als die diskrete Alternative mit Anwalt und Stiftung. Dann kam der 3. April 2016, die Panama Papers: 11,5 Millionen Dokumente aus einer einzigen Kanzlei, ausgewertet von Journalisten in aller Welt. Über Nacht war „Offshore“ ein Schimpfwort und Panama ein Problem. Die Herde zog weiter.
Nach Malta zum Beispiel, das seit Februar 2014 Pässe gegen Investition vergab, gedeckelt auf 1.800 Hauptantragsteller. Oder nach Zypern, bis die Regierung dort ihr Einbürgerungsprogramm wegen „langjähriger Schwächen und missbräuchlicher Ausnutzung“, so die eigene Pressestelle, zum 1. November 2020 beendete. Parallel lief die Nomadenspur: Estlands e-Residency, dann Georgien, dann Portugal mit seinem Sondersteuerstatus und Lissabon als Hauptstadt der Laptops, dann Dubai, das von 2020 bis 2023 die Kombination aus null Prozent, offenen Grenzen und Instagram-Kulisse bot. Danach Paraguay als günstigster Aufenthaltstitel der Hemisphäre, und inzwischen die nächste Runde in Südostasien.
Schau auf die Takte. Die Karibik hielt Jahrzehnte. Panama ein gutes Jahrzehnt. Malta und Zypern sechs, sieben Jahre. Portugal fünf. Dubai drei. Paraguay zwei. Die Zyklen werden kürzer, weil die Reaktion schneller kommt: Banken, Nachbarstaaten und Presse brauchen heute Monate, nicht Jahre, um auf eine Welle zu antworten. Jede Welle verschlechtert das Ziel, weil das Ziel auf die Welle reagiert. Und die Branche verdient an jedem Takt zweimal: einmal hin, einmal weiter. Berater, die dich alle zwei Jahre umziehen, sind keine Berater. Das sind Reisebüros.
Phase 3: Die Vermittler werden für das System ausgequetscht
In Doctorows Modell kommt der Moment, in dem die Plattform auch ihre Geschäftskunden auspresst. In unserer Branche heißt die Plattform nicht Facebook. Sie heißt Finanzsystem, und sie presst die Vermittler aus, die dich vorher ausgepresst haben. Die Rechnung zahlst trotzdem du, jetzt eben doppelt.
Die Banken. Die Fintechs, die dir in Phase 1 das Konto in zehn Minuten eröffnet haben, schließen es heute in zehn Sekunden. Ohne Begründung, ohne Ansprechpartner, ohne Widerspruch. Das nennt sich De-Risking: Statt Kunden einzeln zu prüfen, werden ganze Kategorien abgeschaltet, weil das billiger ist als Prüfung. Die Europäische Bankenaufsicht hat das bereits 2022 in einer eigenen Stellungnahme als Problem benannt: Das pauschale Abschalten ganzer Kundengruppen ohne Blick auf den Einzelfall sei ein Zeichen für schlechtes Risikomanagement und könne bis zum Ausschluss vom Finanzsystem führen. Geändert hat sich seither wenig. Wer heute eine Gesellschaft in einer unbeliebten Jurisdiktion hat, bekommt kein Konto, egal wie sauber das Geschäft ist. Wir haben dazu gerade erst geschrieben.
Die Register. Die USA haben 2024 ein Register der wirtschaftlich Berechtigten scharf geschaltet, es 2025 für inländische Gesellschaften ausgesetzt und im August 2026 für diese endgültig abgeschafft. Gemeldet haben laut US-Finanzministerium Millionen von Kleinunternehmen. Die Daten von US-Personen werden jetzt gelöscht. Dienstleister haben die Meldung zwei Jahre lang als Produkt verkauft, mit Fristenpanik und Bußgelddrohung, und am Ende war es für nichts. Ich komme darauf zurück.
Die Substanz. Der deutsche Fiskus hat im Juni 2026 seine Verwaltungsgrundsätze zur Betriebsstätte neu gefasst, nach über 25 Jahren. Die Einzelfälle darin lesen sich wie eine Beschreibung unserer Kundschaft: Homeoffice, Influencer, Kinderzimmer, Marktstände, Schiffe (BMF-Schreiben vom 18. Juni 2026). Ich halte das Schreiben im Kern für vertretbar, und es ändert an der Rechtslage weniger, als die Überschriften suggerieren. Aber es zeigt, worum es in Phase 3 geht. Die Frage ist nicht mehr, ob du eine Struktur hast. Die Frage ist, ob du sie beweisen kannst. Und der Beweis kostet.
Die Haftung. Registered Agents, Gründungsagenten und Adressanbieter werden zu Hilfssheriffs gemacht: Identitätsprüfung, Meldepflichten, Verdachtsmeldungen. Wer die Pflichten nicht erfüllt, verliert die Lizenz oder das eigene Bankkonto. Die Folge: Die Vermittler werden teurer, vorsichtiger und nutzloser zugleich. Die Kosten reichen sie an dich weiter, die Verantwortung auch.
Das ist Phase 3. Die Struktur existiert noch, aber sie existiert vor allem, um eine Compliance-Pipeline zu füttern. Jeder in der Kette verdient an der Komplexität. Niemand verdient an deinem Ergebnis.
Phase 4: Die Zombie-Struktur
Bei Doctorow endet der Zyklus mit dem Tod der Plattform. Bei uns stirbt die Struktur nicht. Das wäre zu gnädig. Sie wird zum Zombie.
Die Zombie-Struktur ist eine Gesellschaft, die noch im Register steht, noch Jahresgebühren verursacht, noch einen Registered Agent bezahlt, noch eine Adresse mietet, aber nichts mehr tut, wofür sie gegründet wurde. Kein Konto, weil die Bank gekündigt hat und die nächste nicht eröffnet. Kein Zahlungsdienstleister, weil der Geschäftszweck inzwischen als „zu riskant“ gilt. Kein Vertrag, weil der Kunde keine Rechnung von einer Gesellschaft ohne Konto akzeptiert. Was bleibt, ist ein PDF mit Siegel. Eine Struktur, die nicht banken kann, ist ein PDF.
Das Perfide: Der Zombie frisst weiter, jedes Jahr. Die Fabrik schickt pünktlich die Verlängerungsrechnung, der Adressanbieter bucht ab, der Staat will seinen Jahresbericht. Auflösen? Kostet Gebühr, braucht Unterlagen, die im Dashboard eines Anbieters liegen, den du längst nicht mehr erreichst. Also zahlst du noch ein Jahr. Und noch eins.
Ich sehe solche Gesellschaften regelmäßig. Drei LLCs, zwei Freezone-Firmen, eine estnische e-Residency-Gesellschaft, eine Stiftung irgendwo, alle noch „aktiv“, keine davon im Einsatz. Der Besitzer nennt das Diversifikation. Ich nenne es einen Friedhof mit Abo.
Und die Branche? Lebt gut davon. Der Zombie ist der ideale Kunde: Er zahlt, er fragt nicht, und er geht nicht, weil er nicht weiß, wie.
Twiddling: Wenn der Staat die Regeln hinter deinem Rücken ändert
Doctorow beschreibt in seiner Berliner McLuhan-Vorlesung die Lektion, die jeder Plattformmanager gelernt hat, als Darth-Vader-MBA: Ich habe die Abmachung geändert. Bete, dass ich sie nicht noch weiter ändere. Die Regler werden gedreht, während du drauf sitzt, und niemand fragt dich.
In unserer Branche sitzt der größte Regler nicht bei einem Anbieter, sondern beim Gesetzgeber. Und der hat in den letzten drei Jahren so schnell gedreht wie nie zuvor. Eine kurze, belegte Liste:
- Portugal hat seinen Sondersteuerstatus für Zuzügler (NHR) zum 1. Januar 2024 abgeschafft, per Haushaltsgesetz (Lei n.º 82/2023, Art. 236), mit einer Übergangsregel für die, die schon drin waren oder nachweislich auf dem Sprung.
- Spanien hat sein Golden Visa zum 3. April 2025 komplett gestrichen, per Schlussbestimmung in einem Justizreformgesetz (Ley Orgánica 1/2025). Die Regierung verweist selbst auf Irland und Portugal als Vorbilder.
- Malta hat sein Staatsbürgerschaftsprogramm nicht freiwillig beendet. Der Europäische Gerichtshof hat es am 29. April 2025 für unionsrechtswidrig erklärt, weil es die Unionsbürgerschaft kommerzialisiere (Rs. C-181/23).
- Die Karibik zeigt, dass der Regler nicht immer im eigenen Land sitzt. Die fünf Passprogramme der Ostkaribik haben am 20. März 2024 vereinbart, den Mindestpreis zum 30. Juni 2024 auf 200.000 US-Dollar anzuheben, für mehrere Programme etwa eine Verdopplung, und zwar ausdrücklich, um „internationale Bedenken“ auszuräumen. Wessen Bedenken, zeigt Vanuatu: Die EU hat dem Land die Visafreiheit wegen seines Passprogramms erst teilweise entzogen, dann ganz, und es im Dezember 2024 endgültig von der Liste gestrichen. Seit November 2025 steht der Verkauf von Staatsbürgerschaften als eigener Grund für den Entzug der Visafreiheit im EU-Recht. Die Karibik hat die Preise nicht erhöht, weil sie wollte. Sie hat erhöht, weil Brüssel und Washington den Stecker in der Hand halten.
- Italien hat seine Pauschalsteuer für Neuzuzügler im August 2024 von 100.000 auf 200.000 Euro verdoppelt und mit dem Haushaltsgesetz 2026 ab 1. Januar 2026 auf 300.000 Euro angehoben. Wer zwischen den Stichtagen umgezogen ist, zahlt den Tarif seines Stichtags. Dreimal derselbe Status, drei Preise, je nachdem, wann du eingestiegen bist.
- Großbritannien hat sein Non-Dom-Regime zum 6. April 2025 beendet und durch ein Vier-Jahres-Fenster für Neuankömmlinge ersetzt. Wer länger da war, ist seitdem voll steuerpflichtig.
- Die Emirate haben das Versprechen vom steuerfreien Standort mit dem Körperschaftsteuergesetz von Dezember 2022 beendet: 9 Prozent auf Gewinne über 375.000 Dirham, für Geschäftsjahre ab Juni 2023, inklusive Registrierung, Erklärung und Dokumentationspflichten.
- Die USA haben in die andere Richtung gedreht, was das Prinzip nicht besser macht: Register eingeführt, ausgesetzt, abgeschafft, Daten gelöscht, binnen zweieinhalb Jahren.
Das Muster ist immer gleich. Ein Land öffnet ein Fenster. Die Branche verkauft das Fenster, laut und mit Countdown. Die Herde kommt. Die Nachbarn beschweren sich, die Preise steigen, die Presse schreibt. Das Fenster wird verengt, verteuert oder zugemauert. Und dann verkauft die Branche das nächste Fenster, an dieselben Leute, mit demselben Countdown.
Ich werfe das den Staaten nur zum Teil vor. Ein Regime ist ein politisches Angebot, und politische Angebote haben keine Garantie. Ich werfe es der Branche vor, dass sie das verschweigt. Jedes Regime ist ein Angebot auf Widerruf. Wer es dir als Dauerlösung verkauft, verkauft dir einen Mietvertrag als Grundbucheintrag.
Die Hinterzimmer: Wie ein schlechtes Gesetz um die Welt reist
Das Twiddling hat eine Mechanik, die selten beschrieben wird, weil sie langweilig aussieht. Schlechte Gesetze werden nicht in 190 Parlamenten erfunden. Sie werden einmal erfunden, in einem Land oder in einem Ausschuss, und dann in Gremien herumgereicht, bis sie überall gelten. Niemand hat darüber abgestimmt, jedenfalls niemand, den du hättest wählen können. Drei Beispiele.
Die Register. Die FATF, ein zwischenstaatliches Gremium ohne Parlament, hat am 4. März 2022 ihre Empfehlung 24 geändert: Jedes Land soll sicherstellen, dass Informationen über wirtschaftlich Berechtigte angemessen, korrekt und aktuell vorliegen, in einem Register oder einem gleichwertigen Mechanismus. „Empfehlung“ klingt freundlich. Wer nicht folgt, wird bei der nächsten Länderprüfung abgewertet, und wer abgewertet wird, bekommt Ärger mit jeder Korrespondenzbank. So wird aus einem Papier in Paris ein Gesetz in zweihundert Ländern, ohne dass irgendwo eine Wahl stattgefunden hätte.
Die Substanz. Die EU hat am 5. Dezember 2017 ihre Liste nicht kooperativer Steuergebiete beschlossen. Nicht auf die Liste kam, wer sich verpflichtete, bis 2018 Substanzanforderungen einzuführen. Binnen anderthalb Jahren hatten die üblichen Verdächtigen von Bermuda bis zu den Emiraten nahezu gleichlautende Gesetze über wirtschaftliche Substanz erlassen, die VAE am 30. April 2019. Kein Parlament in diesen Ländern wollte das. Ein Arbeitskreis in Brüssel wollte es, die „Gruppe Verhaltenskodex“, und der tagt nicht öffentlich.
Die Pässe. Dasselbe Spiel bei der Visafreiheit, du hast es oben gelesen: Die Kommission testet das Instrument an Vanuatu, der Rat schreibt es 2025 als allgemeinen Suspendierungsgrund in die Verordnung, und fünf karibische Staaten schreiben vorsorglich ihre Preislisten um, bevor jemand anruft. Der Regler sitzt in Brüssel, gedreht wird in Roseau und Basseterre.
Für dich heißt das zweierlei. Erstens: Es gibt keinen Ort, an dem die Regel nicht ankommt, nur Orte, an denen sie später ankommt. Wer dir ein Land als „sicher vor all dem“ verkauft, verkauft dir den Zeitunterschied, nicht die Sicherheit. Zweitens: In diesen Hinterzimmern sitzt niemand, der die Interessen eines Ein-Personen-Unternehmens vertritt. Die Großen haben Verbände, Kanzleien und Einträge im Lobbyregister. Du hast einen Newsletter. Deshalb werden die Regeln für Konzerne geschrieben und auf dich angewendet.
Die Enshittification des Staates selbst
Bis hierhin war der Staat der, der die Regeln ändert. Er ist aber auch Dienstleister, und als Dienstleister durchläuft er denselben Zyklus wie jede Plattform. Nur ohne Wettbewerb, von Anfang an.
Phase 1 kennst du vielleicht noch: Eine Gesellschaft war am nächsten Tag eingetragen, manchmal am selben. Die Steuernummer kam per Fax zurück, bevor der Kaffee kalt war. Am Telefon saß ein Mensch, der zuständig war.
Phase 2 ist das Portal. Das Telefon wurde durch ein Ticket ersetzt, das Ticket durch eine FAQ, die FAQ durch einen Chatbot, der auf die FAQ verweist. Und dann kam die eigentliche Pointe: Der Staat hat gelernt, Geschwindigkeit zu verkaufen. Delaware führt eine offizielle Preisliste für Eile: 50 Dollar für 24 Stunden, 100 Dollar für denselben Tag, 500 Dollar für zwei Stunden, 1.000 Dollar für eine Stunde. Das ist exakt das Modell der Gründungsfabrik, nur mit Staatssiegel. Wer Eile verkauft, hat keinen Anreiz, den Normalfall schnell zu halten.
Phase 3 ist der Rückstau als Dauerzustand. Aus unserer Praxis, nicht aus einer Statistik: Bundesstaaten, die vor wenigen Jahren am nächsten Tag eingetragen haben, brauchen heute zwei Wochen. Die Steuernummer für eine Gesellschaft, die der IRS auf seiner eigenen Seite per Fax binnen vier Werktagen und per Post binnen vier Wochen verspricht, braucht bei ausländischen Gründern derzeit regelmäßig deutlich länger, in schlechten Phasen bis zu drei Monate, und niemand kann dir sagen, wo der Antrag gerade liegt. Apostillen, Bestätigungen, Statusbescheinigungen: überall dasselbe Muster. Die Frist auf der Website ist Marketing. Die Frist im Postfach ist die Wahrheit.
Und Phase 4? Der Staat stirbt nicht. Er wird zum Zombie wie die Struktur: Er nimmt die Gebühr, liefert die Leistung irgendwann, und verweist bei Rückfragen auf das Portal, das auf die FAQ verweist. Der Unterschied zur Plattform: Du kannst nicht kündigen.
Was die Branche daraus macht, ist das eigentlich Hässliche. Die Verzögerung des Staates wird zur Verkaufshilfe des Vermittlers: „Steuernummer in 48 Stunden“, „Expresseintragung“, „Konto garantiert“. Dahinter steckt manchmal ein legitimer Umweg, den man dir vorher erklären sollte, manchmal nur die Eilgebühr des Staates mit Aufschlag, und manchmal ein Trick, der dir später auf die Füße fällt. Der Kunde zahlt in jedem Fall dreimal: für die Leistung, für die Verzögerung und für das Versprechen, die Verzögerung zu umgehen.
Die vier Bremsen, die hier alle versagen
Doctorow erklärt die Enshittification nicht mit schlechten Menschen, sondern mit fehlenden Bremsen. Vier Kräfte haben Unternehmen früher daran gehindert, ihre Kunden auszupressen: Wettbewerb, Regulierung, Selbsthilfe und die Macht der Fachleute, die sich weigern, Mist zu bauen (nachzulesen in derselben Vorlesung). Wo alle vier ausfallen, passiert es zwangsläufig. Ich habe die vier auf unsere Branche gelegt. Es sieht nicht gut aus.
Wettbewerb. Auf dem Papier gibt es tausend Anbieter. In der Praxis verkaufen tausend Anbieter ein Produkt, aus demselben Backend, mit derselben Vorlage, zum gleichen Köderpreis. Das ist kein Wettbewerb, das ist ein Franchise ohne Franchisegeber. Wettbewerb entsteht erst, wenn jemand ein anderes Produkt anbietet: Beratung vor Verkauf, Preis über fünf Jahre, Ausstieg vor Einstieg. Das verkauft sich schlechter, deshalb tut es kaum jemand.
Regulierung. Hier wird es paradox. Regulierung soll den Kunden schützen. In unserer Branche verschlechtert sie das Produkt selbst: Jede neue Melde-, Substanz- oder Prüfpflicht macht die Struktur teurer und den Vermittler unentbehrlicher. Der Kunde wird nicht geschützt, er wird in die Abhängigkeit reguliert. Und die Vermittler protestieren leise, denn Komplexität ist ihr Geschäftsmodell. Als 2021 in den USA über das Register beraten wurde, haben wir eine Eingabe gemacht. Viele Stimmen aus unserer Branche habe ich im Verfahrensarchiv nicht gefunden.
Selbsthilfe. Bei Doctorow ist das die Fähigkeit, ein Produkt zu verlassen oder umzubauen, ohne alles zu verlieren. In unserer Branche gibt es sie praktisch nicht. Du kannst eine LLC nicht exportieren. Du kannst ein Bankkonto nicht mitnehmen. Du kannst die Adresse, an der deine Behördenpost hängt, nicht einfach umziehen. Jeder Wechsel ist ein Neuanfang mit Reibungsverlust, und genau diese Reibung ist der Lock-in aus Phase 2. Eine Branche, in der der Wechsel des Anbieters schwerer ist als der Wechsel des Landes, hat ein strukturelles Problem.
Fachleute. Und hier steht der ehrlichste Satz dieses Textes. In Deutschland dürfen die Leute, die internationale Strukturen verstehen, meist keine Steuerberatung leisten: Das Steuerberatungsgesetz verbietet geschäftsmäßige Hilfe in Steuersachen jedem, der nicht zum zugelassenen Kreis gehört (§ 5 StBerG). Die Leute, die sie leisten dürfen, haben von internationalen Strukturen oft wenig gesehen, weil ihr Alltag aus Lohnbuchhaltung und Umsatzsteuervoranmeldung besteht. In die Lücke dazwischen treten Marketer: Menschen, die weder dürfen noch können, aber verkaufen. Das ist nicht nur eine Beobachtung über Qualität. Es ist der Grund, warum die vierte Bremse in dieser Branche nie existiert hat. Der Berufsstand, der sich weigern könnte, ist nicht im Raum.
Wir auch
Ich wäre unglaubwürdig, wenn ich jetzt so täte, als stünde ich daneben. Ich stehe mittendrin.
Wir betreiben selbst zwei Schienen: einen Vollservice mit Mensch und Gespräch, und eine schlanke, automatisierte Gründung mit Online-Formular und einem KI-Agenten im Support. Die zweite Schiene ist genau das, was oben „Fabrik“ heißt, nur dass wir das Wort nicht scheuen. Wir haben beide Schienen im August gegen einen Katalog mit 60 Kriterien gestellt, öffentlich, mit gelben und roten Punkten, und wir lassen das so stehen.
Wir stehen auch in der Lücke aus dem letzten Kapitel. Ich bin kein deutscher Steuerberater, auch nicht Teil einer Branche die sich laut wehrt.
Wir verdienen an Komplexität. Wenn ein Register kommt, erklären wir es. Wenn ein BMF-Schreiben kommt, schreiben wir darüber. Das ist Arbeit, und sie wird bezahlt. Der Unterschied, den ich für uns reklamiere: Wir haben nicht gewartet, bis das Register da war, um es als Produkt zu verkaufen. Wir haben uns 2021 im Entwurfsverfahren mit einer eigenen Eingabe zu Wort gemeldet, als es noch etwas zu beeinflussen gab. Ob es geholfen hat, weiß ich nicht. Dass wir gefragt haben, schon.
Wo wir die Linie ziehen, in drei Sätzen. Wir verkaufen keine Adressen, an denen niemand sitzt, sondern vermitteln die Substanz, die du tatsächlich brauchst. Wir blockieren keinen Wechsel, behalten keine Dokumente ein und haben noch nie die Gesellschaft eines gehenden Kunden aufgelöst. Und wir nehmen Vorkasse, nicht weil wir groß wären, sondern weil jemand, der eine Gründung auf Raten kaufen muss, zuerst sein Geschäftsmodell prüfen sollte.
Das sind keine Heldentaten. Das ist das Minimum. Dass es in dieser Branche als Unterscheidungsmerkmal taugt, ist der eigentliche Befund.
Was du von jedem verlangen solltest, der dir eine Struktur verkauft
Keine Checkliste rettet dich vor einer schlechten Entscheidung. Aber fünf Fragen sortieren den Markt schneller als jeder Vergleichsartikel.
- Die Fünf-Jahres-Zahl. Nicht der Gründungspreis. Alles, was die Struktur in fünf Jahren kostet: Staat, Agent, Adresse, Buchhaltung, Erklärungen, Bank. Wer die Zahl nicht nennen kann oder will, hat sie längst durchgerechnet und möchte nicht, dass du sie siehst.
- Der Ausstieg vor dem Einstieg. Was kostet die Auflösung, was kostet der Wechsel des Anbieters, wo liegen meine Dokumente, und gehören sie mir? Wer beim Ausstieg zögert, plant deinen Lock-in.
- Die Substanzfrage vor dem Verkauf. Wo lebst du, wo arbeitest du, wo sitzen deine Kunden, wer entscheidet wo. Wer das nicht fragt, bevor er dir einen Bundesstaat empfiehlt, empfiehlt den Bundesstaat, der ihn bezahlt.
- Die Verfallsklausel. Frag, was passiert, wenn das Regime kippt. Wer behauptet, es kippe nicht, hat die Liste oben nicht gelesen. Wer sagt „dann ziehen wir weiter“, ist das Reisebüro.
- Der Name. Wer trägt die Verantwortung für die Aussage, die mir gerade gemacht wird? Eine Person mit Namen und Zulassung, oder ein Setter mit Skript? Niemand haftet für eine Hotellobby.
Flaggen als Resilienz, nicht als Trophäen
Die Flaggentheorie war nie als Sammelalbum gedacht. Sie war eine Antwort auf Abhängigkeit: Hänge nicht mit allem, was du hast, an einem einzigen Staat. Daraus hat die Branche einen Wettbewerb gemacht, wer die meisten Flaggen hat, und ein Geschäftsmodell, das an jeder einzelnen verdient.
Die Enshittification endet nicht, weil jemand nett wird. Sie endet, wenn die Bremsen wieder greifen: wenn Kunden den Fünf-Jahres-Preis verlangen, wenn der Wechsel billig wird, wenn Menschen mit Namen Verantwortung übernehmen. Das ist mühsamer als ein Video aus der Hotellobby. Es ist auch das Einzige, was funktioniert.
Mein Rat, montags wie immer unverlangt: Baue weniger, baue es richtig, und behandle jede Flagge als das, was sie ist. Ein Werkzeug mit Verfallsdatum, kein Zuhause.



