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Blog - Aktuelle Neuigkeiten
Montagsmeinung, Allgemein, Business, Finanzen, (AI modified)

Montagsmeinung: Schulden ohne KI

Montags darf ich meinen. Diesmal über einen Satz, der in einem US-Podcast fast nebenbei fiel und seitdem nicht mehr aus meinem Kopf geht.

Die Moonshots-Runde um Peter Diamandis hatte in Folge 304 (aufgezeichnet am 20. Oktober 2026) Chamath Palihapitiya zu Gast. Thema über eine gute Viertelstunde: die rund 40 Billionen Dollar Staatsschulden der USA und Elon Musks These, dass man sich da nicht heraussparen kann, sondern nur mit KI und Robotern herauswachsen. Vier Hebel wurden durchgespielt: Wachstum, das die Schuldenquote relativ schrumpfen lässt, höhere Steuereinnahmen ohne höhere Steuersätze, ein billigerer Staat (vor allem im Gesundheitswesen) und die Deflation von Gütern und Dienstleistungen, wenn Roboter die Produktion verbilligen. Man darf das für zu optimistisch halten. Chamaths Einordnung fand ich trotzdem treffend: Das löst die Schulden nicht, es macht sie nur unwichtig.

Dann, nach einer Stunde und zwanzig Minuten, der Satz, der den eigentlichen Anlass für diese Kolumne liefert. Dave Blundin, einer der Gastgeber, merkt an, dass die ganze Geschichte eine rein amerikanische Perspektive ist. Wer in Europa zuhöre, habe die Schulden ebenfalls, aber nicht den KI-Hebel, der in den USA gerade entsteht. Er wäre, sagte er, krank vor Sorge, wenn er auf dem europäischen Kontinent säße: keine eigenen Modelle, nicht auf dieser Kurve, und keine Idee, wie man da aus den Schulden herauskommen soll. Chamath legte nach: Wer keine Ressource hat, die für die beiden Länder mit Superintelligenz (USA und China) handelbar ist, werde im Grunde zum Vasallenstaat. Und wenig später lieferte Alexander Wissner-Gross das Bild, um das es mir heute geht: Ein Land, das seine Bürger mit Wärmebilddrohnen aufspürt, weil sie sich Klimaanlagen einbauen, könne das eine Weile durchhalten, bis es irgendwann aufgibt und zum lebenden Geschichtsmuseum wird.

Ich zitiere das nicht, weil ich jedes Wort unterschreibe. Ich zitiere es, weil es die Frage stellt, die ich mit Mandanten seit Jahren bespreche und die gerade eine neue Dringlichkeit bekommt:

Wie viel von deinem Setup darf an Europa hängen?

Keine Untergangsprophetie, versprochen. Europa bleibt ein Ort zum Leben. Aber Leben und Lastentragen sind zwei verschiedene Dinge, und genau da lohnt sich ein nüchterner Blick.

Erst die Zahlen, dann die Meinung

Die Zahlen korrigieren den Podcast gleich an einer Stelle: Die Behauptung, Europas Schulden seien schlimmer als die amerikanischen, stimmt in der Summe nicht. Es ist eher umgekehrt.

Die USA stehen laut Treasury mit 40,4 Billionen Dollar in der Kreide (Stand 20. Oktober 2026). Der IWF beziffert die amerikanische Schuldenquote in seinem Fiscal Monitor vom April 2026 auf 123,9 Prozent der Wirtschaftsleistung für 2025 und erwartet bis 2031 ein Anwachsen auf 142 Prozent, bei Defiziten von jährlich rund 7,5 Prozent. Allein die Zinsen haben die USA im gerade abgelaufenen Haushaltsjahr 2026 laut Treasury 1,36 Billionen Dollar gekostet.

Der Euroraum kam laut Eurostat Ende des zweiten Quartals 2026 auf 88,8 Prozent, die EU insgesamt auf 82,9 Prozent. Das Defizit lag 2025 bei 3,0 Prozent (Eurostat, Herbstnotifikation), die Zinslast bei 1,9 Prozent der Wirtschaftsleistung (Eurostat, gov_10a_main). Wer nur die Summen vergleicht, muss also sagen: Washington ist tiefer drin als Brüssel.

Nur ist Europa kein Durchschnitt, sondern eine Ansammlung von Haushalten, und die Spreizung ist das eigentliche Thema. Griechenland 140,8 Prozent, Italien 139,9, Frankreich 119,1, Belgien 110,2, Spanien 101,4. Italien gibt 3,8 Prozent seiner Wirtschaftsleistung für Zinsen aus, Frankreich 2,2 Prozent bei einem Defizit von 5,1 Prozent im Jahr 2025. Und Deutschland, der vermeintliche Fels in der Brandung, steht zwar bei 63,4 Prozent, hat aber im März 2025 Verteidigungsausgaben oberhalb von einem Prozent der Wirtschaftsleistung von der Schuldenbremse ausgenommen und ein kreditfinanziertes Sondervermögen von 500 Milliarden Euro beschlossen. Der IWF sieht die deutsche Quote bis 2031 auf knapp 74 Prozent steigen.

Das eigentliche Gefälle liegt aber nicht im Zähler, sondern im Nenner. Der IWF rechnet in seinem World Economic Outlook vom Oktober 2026 für die USA mit 2,3 Prozent Wachstum in 2026 und 2027. Für den Euroraum mit 1,1 und 1,2 Prozent. Frankreich 0,4, Italien 0,8. Die Begründung für die USA: robuster Konsum, Fiskalpolitik, anhaltend hohe Technologieinvestitionen und Produktivitätsgewinne, bei begrenzter Betroffenheit vom Energiepreisschock, weil die USA Energie netto exportieren. Die Begründung für den Euroraum: anhaltende Belastung durch höhere Energiepreise und schwaches Konsumentenvertrauen.

Und noch ein Satz aus demselben Bericht, den man zweimal lesen sollte: China und die USA stehen für mehr als 75 Prozent der Nettoimporte an KI-Rechenhardware im Jahr 2025 und für 57 Prozent aller seit 2024 neu gebauten Rechenzentren.

Da ist er, der Hebel, von dem im Podcast die Rede war. Die Schuldenarithmetik ist unbarmherzig einfach: Solange der Zins, den ein Staat auf seine Schulden zahlt, über dem nominalen Wachstum seiner Wirtschaft liegt, wächst der Schuldenberg relativ zur Wirtschaft von selbst, und dann bleiben nur noch Sparen, Steuern oder Inflation. Bei Wachstumsraten unter einem Prozent ist dieses Rennen kaum zu gewinnen. Die USA haben die schlechteren Schulden und das bessere Argument: Sie können zumindest glaubhaft behaupten, aus ihnen herauszuwachsen. Europa kann das derzeit nicht einmal behaupten.

Der Hebel, den Europa nicht hat

Blundin übertreibt, wenn er sagt, Europa habe keine Modelle. Es hat welche. Was es nicht hat, sind die drei Dinge, die ein Modell zum Hebel machen:

Kapital, Rechenleistung und bezahlbare Energie.

Zum Kapital: Laut dem AI Index 2026 der Stanford University flossen 2025 in den USA 285,9 Milliarden Dollar private Investitionen in KI. In ganz Europa waren es 20,9 Milliarden. Das ist kein Rückstand, das ist eine andere Liga. Zum Vergleich: China lag bei privatem Kapital mit 12,4 Milliarden sogar hinter Europa, baut aber, wie der IWF-Befund zu den Rechenzentren zeigt, die Rechenleistung auf anderem Weg auf. Deshalb nennt Chamath zwei Länder mit Superintelligenz, nicht drei.

Zur Rechenleistung: Der Satz des IWF von oben, mehr als 75 Prozent der KI-Hardware-Importe und 57 Prozent der neuen Rechenzentren entfallen auf die USA und China, beschreibt eine Konzentration, die sich nicht mit Förderprogrammen umkehren lässt. Rechenzentren folgen dem Strom, und Strom ist in Europa das zweite Problem.

Zur Energie: Der Draghi-Bericht, im September 2024 von der EU-Kommission selbst veröffentlicht, hält fest, dass europäische Unternehmen das Zwei- bis Dreifache der amerikanischen Strompreise zahlen und das Vier- bis Fünffache beim Gas. Derselbe Bericht sagt, dass nur vier der fünfzig größten Technologieunternehmen der Welt europäisch sind, dass die Produktivitätslücke zu den USA im Wesentlichen durch den Technologiesektor erklärt wird, und dass zwischen 2008 und 2021 knapp 30 Prozent der in Europa gegründeten Unicorns ihren Sitz ins Ausland verlegt haben, die meisten in die USA. Dazu kommt eine Erwerbsbevölkerung, die bis 2040 um fast zwei Millionen Menschen pro Jahr schrumpft. Draghi beziffert den zusätzlichen Investitionsbedarf auf 750 bis 800 Milliarden Euro, und zwar pro Jahr.

Das ist keine Analyse von außen. Das steht in einem Dokument, das Brüssel in Auftrag gegeben, bezahlt und veröffentlicht hat. Die Antwort darauf war unter anderem die InvestAI-Initiative vom Februar 2025: 200 Milliarden Euro sollen mobilisiert werden, davon 20 Milliarden aus einem neuen EU-Fonds für sogenannte KI-Gigafabriken. Mobilisiert heißt: Der Rest soll von anderen kommen. Man kann das ernst nehmen und trotzdem sehen, dass es gegen 286 Milliarden privates Kapital in einem einzigen Jahr in einem einzigen Land antritt.

Blundin bringt es im Podcast auf eine Formel, die ich für die nächsten Jahre im Kopf behalten würde:

Der Zug, der jetzt zählt, heißt Strom und Rechenzentren.

Wer in diesem Fenster nicht einsteigt, bleibt draußen, als Touristenziel, wie er es nennt. Und Wissner-Gross ergänzt eine Beobachtung, die man sich ebenfalls merken sollte: Rechenzentren werden sich künftig nicht nur selbst mit Energie versorgen, sondern sich auch selbst verteidigen müssen. Wo Rechenleistung steht, entscheidet sich also auch an Sicherheitsfragen. Das ist für Europa kein Nachteil, nur: Es hilft nichts, wenn der Strom das Doppelte kostet.

Der zweite Hai

Bis hierher habe ich getan, was wir Europäer reflexhaft tun: nach Westen geschaut. Der Podcast tut das nicht. Chamaths Bild hat zwei Haie, nicht einen. Um jeden schwimmen ein paar Putzerfische, und alle anderen sind in einer schwierigen Lage. Wer über den KI-Hebel redet und China weglässt, erzählt die halbe Geschichte.

Die Zahlen zum zweiten Hai stehen in denselben Berichten. Der IWF erwartet für China 4,5 Prozent Wachstum in 2026 und 4,0 Prozent in 2027, und die 57 Prozent der neuen Rechenzentren teilen sich die USA mit China, nicht mit Europa. Der AI Index 2026 der Stanford University hält fest, dass der Leistungsabstand zwischen den besten amerikanischen und chinesischen Modellen praktisch geschlossen ist: Im Februar 2025 zog DeepSeek-R1 kurz mit der US-Spitze gleich, im März 2026 lag das beste US-Modell noch 2,7 Prozent vorn. Die USA brachten 2025 insgesamt 59 bedeutende Modelle heraus, China 35, Frankreich und Großbritannien je eines. Bei Publikationen, Patenten und installierten Industrierobotern führt China. Das ist kein amerikanisches Gerede über einen Rivalen. Das ist der zweite Hebel, und er ist real.

Was China nicht hat, ist eine saubere Bilanz. Der IWF setzt die chinesische Staatsschuldenquote im Fiscal Monitor für 2025 auf 99,2 Prozent und erwartet bis 2031 rund 127 Prozent, bei Defiziten um acht Prozent, und zwar nach einer Abgrenzung, die der IWF selbst als enger beschreibt als seine Länderanalysen. China spielt also dieselbe Wette wie die USA, nur mit Staatskapital statt mit Risikokapital: Schulden aufnehmen, in Rechenleistung und Produktion stecken, herauswachsen. Beide Haie sind verschuldet. Beide haben einen Hebel. Europa hat nur das eine.

Als Flagge ist China aus Gründen umstritten, die man nicht wegdiskutieren sollte. Kapital kommt leichter hinein als heraus: Die Devisenbehörde SAFE begrenzt den Devisenkauf für Privatpersonen seit 2007 auf 50.000 Dollar im Jahr. Der Rechtsraum ist politisch, nicht nur juristisch. Und die Geopolitik kann über Nacht aus einer Firmen- oder Bankflagge ein Problem machen. Wohnsitz, Pass und Verwahrung sind für die meisten unserer Leser dort keine realistischen Flaggen, und ich werbe hier für keine davon. Wir strukturieren derzeit keine China-Setups.

Trotzdem gehört der zweite Hai auf die Karte, aus demselben Grund, aus dem die USA darauf gehören. Als Absatzmarkt. Als Lieferkette für alles, was physisch ist, Roboter eingeschlossen. Und als Werkzeugkasten: Chinesische Modelle mit offenen Gewichten laufen auf jedem Server der Welt, man muss dafür nicht in China sein. Das ist die eine chinesische Flagge, die sich heute schon ohne Wohnsitz, Konto und Rechtsrisiko setzen lässt. Welche weiteren irgendwann dazukommen, ist eine eigene Kolumne. Ein Setup, das den zweiten Hai nicht einmal auf der Karte hat, ist jedenfalls so blind wie der Podcast gegenüber Europa.

Und für Europa selbst stellt Chamath die unbequemste Frage des Abends: Wo liegen die echten Allianzen, wenn die alten Bündnisse ein historisches Artefakt sind? Italien, sagt er, habe Ressourcen, die für die beiden Haie handelbar sind, Liechtenstein und Belgien nicht. Ob er damit recht hat, sei dahingestellt. Aber die Frage, in wessen Orbit ein Land in zehn Jahren kreist, wird auch darüber entscheiden, was seine Flaggen dann wert sind.

Das Freilichtmuseum

Jetzt zum Bild von Wissner-Gross. Es lohnt sich, die Anekdote zu prüfen, bevor man sie weitererzählt. Im Sommer 2024 kontrollierte die Gemeindepolizei von Portofino tatsächlich Haus für Haus auf nicht genehmigte Klimaanlagen, mit Dutzenden Verfahren in einem Ort von rund 400 Einwohnern und Bußgeldern bis zu 50.000 Euro, gespeist aus anonymen Hinweisen der Nachbarn (Euronews, August 2024). Die Drohnen mit Wärmebildkameras hat der Bürgermeister damals dementiert. Die Kontrollgänge nicht.

Die Pointe hängt nicht an der Drohne. Sie hängt daran, wofür ein Gemeinwesen seine knappe Durchsetzungskraft einsetzt. Portofino ist ein Denkmal, also schützt es seine Fassaden. Das ist legitim, und für Portofino sogar richtig. Nur ist Portofino damit das, was es sein will: ein Ort, den man besucht. Das Bild vom lebenden Geschichtsmuseum meint genau diese Entscheidung, nur in Kontinentalgröße. Ein Kontinent, der seine Energie dafür aufwendet, das Bestehende zu konservieren, wird besichtigt, nicht genutzt.

Das Muster lässt sich auch dort beobachten, wo es um die Zukunft selbst geht. Die EU hat ihre KI-Verordnung im Sommer 2024 verabschiedet, zu einem Zeitpunkt, als es in Europa kaum etwas zu regulieren gab, was in der Spitzengruppe mitspielte. Im Juli 2026 hat sie die Pflichten für Hochrisiko-Systeme dann per Verordnung (EU) 2026/1744 um sechzehn Monate auf Dezember 2027 verschoben, die zweite Stufe auf August 2028. Die Begründung steht in den Erwägungsgründen: Die technischen Normen kamen zu spät, die Behörden standen nicht, der Aufwand war höher als gedacht. Man hat also zuerst die Regeln gebaut und dann festgestellt, dass die Werkzeuge fehlen, um sie anzuwenden.

Und die Energiepreise, die Draghi als wichtigste Bremse nennt, sind kein Naturereignis. Sie sind das Ergebnis von Entscheidungen, die jede für sich gut begründet waren und in der Summe dazu führen, dass Rechenzentren woanders gebaut werden.

Ich sage das ohne Häme. Ich sage es, weil es die Frage beantwortet, die mir in Mandantengesprächen immer wieder begegnet: Warum reden die in den USA über Wachstum und bei uns über Verbote? Weil die einen einen Hebel haben und die anderen eine Fassade.

Was ein verschuldeter Staat ohne Hebel tut

Hier wird es für dein Setup konkret. Ein Staat, der nicht herauswachsen kann, hat drei Werkzeuge: sparen, besteuern, entwerten. Sparen hat in Europa keine Mehrheit, das zeigen die Defizite von oben. Bleiben die beiden anderen, und bei beiden kann man bereits zuschauen. Nichts davon ist Verschwörung. Alles davon ist dokumentiert.

Frankreich diskutiert seit zwei Jahren eine Mindeststeuer von zwei Prozent jährlich auf Vermögen über 100 Millionen Euro, die sogenannte Zucman-Steuer. Die Nationalversammlung hat sie im Februar 2025 als eigenständiges Gesetz angenommen, der Senat hat sie im Juni 2025 abgelehnt, im Haushalt 2026 fiel sie am 31. Oktober 2025 mit 228 zu 172 Stimmen durch, und für den Haushalt 2027 wurde sie im Oktober 2026 erneut eingebracht und erneut abgelehnt. Dreimal abgelehnt heißt nicht vom Tisch. Es heißt, dass eine Mehrheit dafür noch fehlt, und Mehrheiten ändern sich mit jeder Wahl. Ob dich diese Steuer je treffen würde, ist zweitrangig. Sie ist ein Signal dafür, wohin ein Land greift, wenn es 119 Prozent Schulden und 0,4 Prozent Wachstum hat.

Deutschland hat den Weg nach draußen teurer gemacht. Seit 2025 greift die Wegzugsbesteuerung nicht mehr nur bei wesentlichen Beteiligungen an Kapitalgesellschaften, sondern auch bei privat gehaltenen Investmentfondsanteilen, sobald jemand mindestens ein Prozent eines Fonds hält oder Anteile mit Anschaffungskosten von 500.000 Euro oder mehr (§ 19 Absatz 3 InvStG, anwendbar auf Wegzüge nach dem 31. Dezember 2024). Wer also mit einem gut gefüllten ETF-Depot auswandert, wird beim Verlassen so behandelt, als hätte er verkauft. Das ist keine Strafsteuer. Es ist eine Zollschranke für Kapital, und sie wurde in der Vorschrift erst 2024 eingezogen.

Auf EU-Ebene heißt der Ansatz Spar- und Investitionsunion. Die Kommission hat im März 2025 festgestellt, dass rund 70 Prozent der Ersparnisse europäischer Haushalte, etwa 10 Billionen Euro, auf Bankkonten liegen, und möchte dieses Geld in produktive Investitionen lenken. Für sich genommen ist das vernünftig. Man sollte nur im Hinterkopf behalten, dass ein Staat, der auf das Sparvermögen seiner Bürger als Finanzierungsquelle schaut, das selten bei Anreizen belässt, wenn die Anreize nicht wirken.

Und der digitale Euro ist aus der Studienphase heraus: Die EZB hat am 30. Oktober 2025 die nächste Projektphase beschlossen, mit Pilotbetrieb ab Mitte 2027 und möglicher Erstausgabe 2029, vorausgesetzt die Gesetzgebung wird 2026 verabschiedet. Die EZB verspricht für die Offline-Variante Privatsphäre auf Bargeldniveau und versichert, selbst nicht sehen zu können, wer was kauft. Ich nehme das zur Kenntnis und unterstelle niemandem böse Absichten. Ich stelle nur fest, dass eine Infrastruktur, einmal gebaut, von späteren Mehrheiten anders genutzt werden kann als von denen, die sie versprochen haben. Und politische Entscheidungen fallen unter Schuldendruck anders aus als in guten Zeiten.

Die Richtung ist in allen vier Fällen dieselbe: Der Zugriff auf mobiles Kapital wird enger, der Weg nach draußen teurer, und die Datenlage über dein Vermögen besser. Keine dieser Maßnahmen ist für sich allein dramatisch. Zusammen beschreiben sie, wie ein Kontinent ohne Wachstumshebel seine Rechnung zu bezahlen gedenkt.

Was das für dein Setup heißt

Chamaths Vasallen-Satz zielt auf Staaten. Übersetzt auf eine einzelne Person lautet er:

Wer alle seine Abhängigkeiten in einem Block bündelt, der selbst abhängig wird, ist der Vasall eines Vasallen. Das ist keine Frage von Reichtum, sondern von Architektur.

In der Flaggentheorie verteilen wir die Funktionen eines Lebens auf verschiedene Länder. Für heute ergänze ich eine Unterscheidung: Es gibt Flaggen, die man wechseln kann, und Säulen, auf denen das Gewicht liegt. Eine Flagge ist ein Bankkonto, eine Firma, ein Wohnsitz. Eine Säule ist das, was dich trägt, wenn eine Flagge fällt. Das Problem der meisten europäischen Setups ist nicht, dass Europa darin vorkommt. Das Problem ist, dass Europa darin alles gleichzeitig ist: Wohnsitz, Gesellschaft, Bank, Depot, Rente, Pass und Familie, und damit auch jede Rechnung, die der Kontinent in den nächsten zehn Jahren stellen wird. Und dass die beiden Haie, zwischen denen sich dieser Kontinent noch sortiert, darin gar nicht vorkommen.

Geh die Flaggen einmal mit dem Blick von oben durch.

Die Wohnsitzflagge: Ein steuerlicher Wohnsitz in einem Land mit 119 Prozent Schulden und 0,4 Prozent Wachstum ist eine Wette darauf, dass die Rechnung jemand anderen trifft. Die kann aufgehen. Aber es ist eine Wette, und man sollte sie als solche eingehen, nicht als Selbstverständlichkeit. Und wer sie irgendwann auflösen will, sollte wissen, dass die Ausgangstür inzwischen Eintritt kostet, siehe oben.

Die Firmenflagge: Wenn du heute ein Unternehmen baust, das mit KI arbeitet, und das werden in fünf Jahren fast alle sein, dann baust du es dort, wo Rechenleistung, Kapital und Energie sind, oder du baust es mit einem strukturellen Nachteil. Das gilt für die Betriebsgesellschaft, die Rechenleistung einkauft, und erst recht für die Holding, die das Ergebnis hält. Europa als Markt ist dabei kein Widerspruch: Man kann einen Markt bedienen, ohne dort seine Substanz zu parken.

Die Vermögensflagge: Verwahrung, Währung und Rechtsraum sind drei verschiedene Entscheidungen, und sie fallen in Europa meist unbemerkt alle drei auf denselben Block. Depot bei einer europäischen Bank, in Euro, unter EU-Recht. Jede dieser drei Entscheidungen lässt sich einzeln ändern, und zwar am besten, bevor die Vorschriften es teurer machen. Die Wegzugsbesteuerung ist die Erinnerung daran, dass Mobilität von Vermögen vor der Grenze organisiert wird, nicht danach.

Die Passflagge: Hier ist Europa nach wie vor stark. Ein EU-Pass ist Reisefreiheit, Niederlassungsfreiheit und eine Rückfalloption, und nichts in diesem Text spricht dafür, ihn aufzugeben. Er ist nur keine Säule. Ein Pass trägt kein Vermögen und keine Firma. Er öffnet Türen, mehr nicht, und mehr muss er auch nicht.

Und die Flagge, über die am wenigsten geredet wird: Zeit. Wo du deine Tage verbringst, ist eine eigene Entscheidung, unabhängig von allen anderen. Das Freilichtmuseum ist ein wunderbarer Ort, um Zeit zu verbringen. Nur sollte es nicht die Adresse sein, an der dein Kapital arbeitet.

Wenn du diese fünf Punkte durchgehst und bei allen fünf dasselbe Kürzel steht, hast du kein Setup. Du hast einen Wohnort.

Kein Untergang, aber eine Gewichtung

Jetzt die andere Seite, weil ich sie dem Podcast schuldig bin. Erstens: Europa hat Dinge, die man nicht in Rechenzentren messen kann. Gesundheitsversorgung, die nicht ruiniert. Städte, in denen man zu Fuß geht. Ein Pass, der fast überall Türen öffnet. Das sind keine Kleinigkeiten, und für die Zeitflagge bleibt Europa für viele Mandanten die erste Wahl.

Zweitens: Der KI-Hebel ist eine Wette, keine Gewissheit. Der IWF rechnet im selben World Economic Outlook ein Szenario durch, in dem die Produktivitätsgewinne aus KI ausbleiben, die Technologieinvestitionen in den USA einbrechen und die amerikanischen Aktienkurse um 20 Prozent fallen. Tritt das ein, sitzen die USA auf 124 Prozent Schulden und 7,5 Prozent Defizit, ohne Hebel. Dann wäre Blundins Mitleid mit Europa deplatziert gewesen, und zwar gründlich.

Nur folgt daraus nicht, dass Europa recht hat. Es folgt, dass man keine Monokultur baut. Nicht in Europa, nicht in den USA, nirgends. Der Unterschied zwischen den beiden Blöcken ist nicht, dass der eine sicher gewinnt. Der Unterschied ist, dass der eine am Tisch sitzt und der andere lieber reguliert wie die Servietten nach dem Meeting wiederverwertet werden. Wer sein Setup baut, sollte in mehr als einem Orbit etwas stehen haben, aber nirgends alles.

Drittens, und das ist der Punkt, den ich meinen Mandanten am häufigsten erklären muss: Die Risiken, über die ich hier schreibe, sind langsam. Keine davon trifft dich nächsten Monat. Die Wegzugsbesteuerung auf Fondsanteile wurde 2024 beschlossen und wirkt seit 2025. Die Zucman-Steuer braucht noch eine Wahl. Der digitale Euro braucht noch ein Gesetz und drei Jahre. Das ist die gute Nachricht: Du hast Zeit, dein Gewicht zu verlagern. Die schlechte Nachricht ist, dass langsame Risiken die sind, die man ignoriert, bis die Tür Eintritt kostet.

Deshalb drei Fragen für den Montag. Wo arbeitet dein Kapital, und stehen dort Strom, Rechenleistung und Geldgeber zur Verfügung, oder nur ein schöner Blick? Wie viele deiner Flaggen tragen dasselbe Kürzel? Und was würde es dich heute kosten, eine davon zu wechseln, verglichen mit dem Preis in drei Jahren?

Europa bleibt ein wunderbarer Ort, um zu leben. Es ist nur gerade kein guter Ort, um alles darauf zu bauen. Das ist die Montagsmeinung. Widerspruch wie immer willkommen.

26. Oktober 2026/von lifestylesolutions
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